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Es gilt nun die Flughöhe einer Landesausstellung zu erreichen

24.02.2021
Es gilt nun die Flughöhe einer Landesausstellung zu erreichen

Interview mit Alt-Bundesrätin Doris Leuthard.

Doris Leuthard, Pierre de Meuron und Manuel Herz bilden den Juryrat von Svizra27 und führen eine 18-köpfige Jury. Alt-Bundesrätin Doris Leuthard ist federführend in der Wettbewerbsstufe 2, welche bis Ende April 2021 abgeschlossen sein wird. Doris Leuthard hat hohe Erwartungen an die zehn nominierten Projektteams und glaubt an die nächste Landesausstellung in der Nordwestschweiz.

Doris Leuthard wie haben Sie persönlich die vergangenen Pandemiemonate erlebt?
Ich glaube, da ist es mir ähnlich ergangen wie vielen anderen Menschen auch. Der Verzicht auf Vieles stand im Vordergrund, und auch unsere Familie musste mit dem Coronavirus Bekanntschaft machen. Meine 88jährige Mutter hat sich im Altersheim angesteckt, blieb aber symptomfrei, das war ein grosses Glück für uns.

Sie engagieren sich in der Wettbewerbsjury des Landesausstellungsprojekts Svizra27. Kommt ein solches Projekt nicht etwas zur falschen Zeit?
Nein, wieso meinen sie?

Eine Landesausstellung kostet bekanntlich viel Geld. Die aktuelle Situation fordert den Kantonen und dem Bund diesbezüglich viel ab – und jetzt soll auch noch eine Landesausstellung finanziert werden?
Erstens kostet eine Landesausstellung in der Projektentwicklungsphase vergleichsweise wenig, und zweitens bin ich der festen Überzeugung, dass die Schweiz sich eine nächste Landesausstellung leisten soll. Svizra27 ist zudem so aufgebaut, dass sich ein finanzielles Debakel wie bei der Expo.01/02 nicht wiederholen kann. Ich bin überzeugt, dass eine Landesausstellung helfen kann wieder Tritt zu fassen, Mut zu machen und exemplarisch aufzeigen, was dieses Land ausmacht. Ich kann mir gut vorstellen, dass Svizra27 gerade in der düsteren Coronazeit entstehen und dann nach der Krise stattfinden kann.

Gibt es in der Agenda des Bundesrates alle 25 Jahre einen Eintrag «Landesausstellung»?
Die Landesausstellung ist grundsätzlich beim Bundesrat soweit verankert, dass sie regelmässig stattfinden soll. Einen möglichen Rhythmus von 25 Jahren finde ich durchaus sinnvoll. Aber es braucht einen externen Organisator, also Menschen, die sich für eine Landesausstellung stark machen.

Was spricht für eine Landesausstellung in der Nordwestschweiz?
Sehr viel! Svizra27 ist ein Projekt aus den fünf Nordwestschweizer Kantonen, die einen wichtigen Wirtschaftsraum in der Schweiz bilden und die das Mittelland, die Regionen Luzern und Zürich sowie über das Dreiländereck Frankreich und Deutschland miteinander verbinden. Für mich ist eine Landesausstellung in der Nordwestschweiz sehr realistisch.

Sie sind im aktuellen Wettbewerb federführend in der Stufe 2. Wie sind Sie mit den zehn ausgewählten Projektideen zufrieden?
Die Frage ist eher: Wie gross ist das Potenzial der zehn ausgewählten Projektideen. Und hier kann ich mit grosser Überzeugung sagen, dass sich aufgrund der eingereichten Dossiers durchaus landeausstellungswürdige Projekte abzeichnen. Sehen Sie, dieser Wettbewerb unterscheidet sich von einem Architekturwettbewerb, der eine räumlich klar umrissene Aufgabe vorgibt und dessen Eingaben entsprechend verglichen werden können. Die erste Stufe des Ideenwettbewerbs sollte vor allem das Potenzial der Ideen und der Teams dahinter auswerten, und dies ist meiner Ansicht nach sehr gut gelungen.

Das heisst, dass nun Fleisch an den Landesausstellungsknochen kommt?
Genau. Vieles soll nun konkretisiert werden. Die Projektideen müssen die Flughöhe einer Landesausstellung erreichen. Sie müssen für unsere Gesellschaft inspirierend wirken und diese soll sich darin auch wiederfinden. Weder darf es abgehoben und nur für wenige verständlich sein, noch darf der Eindruck von Beliebigkeit und déjà vues entstehen.

Zusammen mit Pierre de Meuron und Manuel Herz bilden Sie den Juryrat von Svizra27. Insgesamt 18 Persönlichkeiten sind in der Jury mit dabei; was begeistert Sie an diesem Landeausstellungsprojekt?
Svizra27 ist ein Projekt der Kantone, ist breit aufgegleist, verfolgt einen partizipativen Ansatz, hat mit «Mensch – Arbeit – Zusammenhalt» ein Motto gewählt, wie es passender nicht sein könnte, und spricht damit auch alle in unserem Land an. Ich sehe das vor drei Jahren gewählte Motto als sehr passend und für eine Landesausstellung aktueller denn je. Es verbindet das Soziale, die Wirtschaft und die Kultur. Weiter überzeugt mich das Projekt in seinem Aufbau und in der Führung. Die Zusammensetzung in der Wettbewerbsjury ist gut gewählt. Sowohl die Wirtschaftsvertreter, Gewerkschaftsverbände, die Kultur, die Politik und insbesondere auch die nächste Arbeitsgeneration sind darin vertreten. Das Thema Arbeit hat in der Schweiz einen hohen Stellenwert inklusive der Freiwilligenarbeit und wird uns mit der Digitalisierung, dem immer flexibleren Altersrücktritt und den Sozialversicherungen auch politisch stark beschäftigen.

Was erwarten Sie zum Ende der zweiten Wettbewerbsstufe?
Einerseits sehe ich grosses Potential in den Entwicklungsmöglichkeiten und der Qualität der zehn Projektideen. Weil das Projekt offen ist, darf man auch mit anderen Teams gute Ideen weiterverfolgen. Andererseits möchte ich mich in meinen Erwartungen nicht zu früh bereits festlegen. Anlässlich des Lancierungsevents im Juni 2020 im Salzdom der Salinen Schweiz in Möhlin hat es Jurymitglied Sam Keller (Direktor der Fondation Beyeler) auf den Punkt gebracht. «Offen sein für Unerwartetes, sich überraschen lassen».

Aktuell wird der Verein Svizra27 von Kurt Schmid, ehemals Präsident des Aargauischen Gewerbeverbandes, präsidiert. Werden Sie einst seine Nachfolgerin?
(…. lacht). Ich bin überzeugt, dass mit der ganzen Entstehungsgeschichte und der Herkunft das Projekt Svizra27 zurzeit sehr gut aufgestellt ist. Kurt ist der Vater der Svizra27-Idee, und das Projekt wird – wie übrigens auch von Bundesrat Guy Parmelin gefordert – «bottom-up» aus einer bestimmten Region entwickelt. Es lebt von seinen Herkunftsgebieten, seinen Ideengeberinnen und Initianten.

(*) Doris Leuthard gehörte von 2006 bis 2018 dem Bundesrat an und präsidierte 2010 und 2017 die Schweizer Landesregierung. Die Aargauerin startete ihre politische Karriere 1997 als Grossrätin im Kanton Aargau und wurde 1999 in den Nationalrat gewählt. Von 2004 bis 2006 war sie Parteipräsidentin der CVP.

Downloads
Ausblick svizra2_Interview mit Doris Leuthard (pdf, 93.2 kB)
Portrait Doris Leuthard (jpg, 1.9 MB)